Natürlich kommt Sankt Nikolaus nach Bangkok mit dem Schlitten...

 

Der heilige Mann bescherte Kinder der deutschsprachigen Kirchengemeinden diesmal im Garten des deutschen Botschafters 

Gut, dass der Nikolaus das nicht gehört hat! „Schreibt man ‚Mittagessen‘ in einem oder zwei Wörtern?“ fragte ein Mann seine Frau, während er wieselflink neben Würstchen, Kohlrouladen und Mangopudding eine Textnachricht in sein Handy tippte. Umgehend wollte er wohl der Welt mitteilen, dass er innerhalb der nächsten Minute ein köstliches Buffet auf einer Nikolausfeier  zu sich nehmen wird. „In einem Wort,“ antwortete die Frau, und nahm schon mal einen Schlag leckeren Kartoffelsalat von dem reich gedeckten Tisch auf ihren Teller.

Derweil befand sich der Nikolaus – wie er später berichten wird – hoch in den Wolken auf dem Weg aus der Schweiz geradewegs in den Garten der Residenz des deutschen Botschafters in Thailand, Hanns Heinrich Schumacher. Der hatte den heiligen Mann im vergangenen Jahr zu sich eingeladen. Nein, nicht direkt zu sich. Obwohl man nicht weiss, ob er nicht auch am Abend zuvor die frisch geputzten Schuhe vor die Tür gestellt hat, wie es der Brauch will.

Der Botschafter hatte vor Jahresfrist an der alljährlichen gemeinsamen Nikolausfeier der deutschsprachigen evangelischen und katholischen Gemeinden in Bangkok teilgenommen. Das sei ein düsterer Hotelballsaal gewesen, in dem der Nikolaus die Kinder beschert habe, erzählte er unserem Reporter. Da sei überhaupt keine richtige Weihnachtsstimmung aufgekommen. Und sofort habe er an seinen großen Garten gedacht, als freundlichen Ort für die nächste Nikolausfeier. Den bot er den beiden Gemeinden noch an Ort und Stelle für ihr Fest an.  

Wie der Nikolaus wohl den Weg dorthin finden würde? Für Joshua kein Problem: „Der kommt mit dem Schlitten.“  Klarer Fall. Wenn man es genau nahm, konnte der heilige Mann aus der Luft den riesigen grünen Fleck mit den tropischen Bäumen, Büschen und Pflanzen in der zugebauten Büro-und Hotelgegend an Bangkoks Sathorn Road gar nicht verfehlen. Na ja, und die Kufen seines Gefährts würden am Ende sicher auch über den gut gepflegten Rasen gleiten, als wäre es ein Teppich aus grünem Schnee.

Und so kam es dann, dass am 6. Dezember erstmals ein Nikolaus in der deutschen Botschaft in Bangkok erschien. Kein gewöhnlicher Diplomat wie sonst, kein Politiker, kein Staatsoberhaupt, sondern eine Art Himmelsbote – wenngleich auch von der irdischen Welt.  

Das Interesse war so groß wie nie zuvor. Fast 300 Kinder und Erwachsene spazierten durch die mehrfach gesicherte Besucherschleuse auf das Botschaftsgelände. Es schien, als ob selbst die wachsamen Sicherheitskräfte etwas von der erwartungsvollen Vorfreude der jungen und alten Besucher abbekommen hätten. Damit es ein richtiges Kinderfest wurde, hatte der Botschafter den Park frei gegeben. Alle Kinder könnten herumtoben. Nur die Büsche seien tabu, aus Sorge, dass sich da vielleicht irgendein Getier verbergen könne. 

Doch zunächst stimmten sich die Anwesenden mit einem gemeinsamen Familiengottesdienst auf den Festtag des heiligen Nikolaus ein. Auch das war gewiss eine Premiere auf dem Botschaftsgelände. Zwei größere Jungen zündeten die beiden roten Kerzen für den zweiten Advent an einem Adventskranz vor dem improvisierten Altar an. Der Pfarrer der evangelischen Gemeinde, Burkhard Bartel, erinnerte im Wortgottesdienst daran, dass die Christen seit rund 1.500 Jahren vom heiligen Nikolaus redeten – was man von den Taten von Politikern etwa nicht unbedingt sagen könne. Mut, Freigebigkeit, Vertrauen, Friedfertigkeit und Hilfsbereitschaft, dafür stehe der Heilige, um den sich viele Legenden rankten. Diese Tugenden sollten sich Christen zum Vorbild in ihrem Alltag nehmen, sagte Bartel. Pfarrer Ernst Michael Kryschak von der katholischen Gemeinde lud dann alle zur Eucharistiefeier ein.   

Nach dem ausgiebigen Buffet kam endlich der große Moment: Sankt Nikolaus mit seinen beiden Helferinnen in engelsgleichen, weißen Kleidern wurde vom Botschafter höchstpersönlich zu seinem goldenen Thronsessel geleitet. Er hatte auch sein Goldenes Buch dabei, in dem die guten wie die schlechten Taten der Kinder verzeichnet waren. Da schauten manche doch etwas zaghaft, es rollten auch einige Tränchen. Und es war ihnen anzusehen, dass sie – zumindest für jetzt – ganz sicher immer ihr Zimmer aufräumen würden. Oder wie die kleine Caroline, die nervös auf ihre Unterlippe biß, in Zukunft alleine essen will und nicht jeden Bissen von der Mutter „hineingestopft“ bekommen soll.   

Eine Belohnung für den Mut, sich dem heiligen Mann zu stellen, gab es auch für jedes Kind. Eine Tüte mit Mandarine, Nüssen und Schokolade. Und auch Botschafter Schumacher durfte sich ein solches Geschenk abholen. Offenbar hatte er immer alles richtig gemacht. Denn Sankt Nikolaus hatte keine Beanstandungen. Mit „Zugabe, Zugabe“ –Rufen wurde der Nikolaus von ein paar größeren, vielleicht nun wieder mutigeren Jungen verabschiedet. 

Dass sein Besuch im Garten der Botschaftsresidenz allen gefallen hatte, war deutlich: Noch lange saßen etliche Besucher in dem sonnenüberfluteten Park zusammen. Diana, noch keine drei Jahre alt, verabschiedete sich mit ihrer Freundin besonders herzlich vom Gastgeber. Die beiden Mädchen überreichten Botschafter Schumacher spontan zwei weiße Magnolienblüten, die sie im Garten gepflückt hatten. Als die Kleine sah, dass ihre Freundin dem Botschafter schon eine Blüte geschenkt hatte, meinte sie wohl, eine sei genug für ihn. Und gab ihre Blume dem dabei sitzenden Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Dominikus von Pescatore von der katholischen Gemeinde. Wenn das der Nikolaus gesehen hat! Das gibt ein dickes Lob im nächsten Jahr!

 

 

                                            Wolfgang Rollik 

 
 
 
 
 
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