Guten Abend, gut´ Nacht

Guten Abend, gut´ Nacht

„Bei uns in der Moschee darf ich das nicht! Da spiele ich lieber bei den Katholiken in der Kirche!“ – sagte vor zwei Jahren der damals 16jährige Querflötist Wanorn zu seinen Eltern. Deren Reaktion ist zwar nicht bekannt, aber seit dieser Zeit ist er der dritte Querflötist im vierköpfigen Ensemble der thailändischen Künstler, die in der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Bangkok jeden Sonntag die Kirchenmusik bestreiten.

Guten Abend, gut´ Nacht

Wir wissen nicht, wem wir es zu verdanken haben: Dem Schicksal, dem Zufall oder vielleicht doch der Heiligen Cäcilia. Jedenfalls stand vor vier Jahren ein junger Mann vor dem Sonntagsgottesdienst alleine in unserer Kapelle und spiele Querflöte. Auf die Frage, was ihn hierherführe, erzählte mir Khun Patrick, heute 30 Jahre alt, von seiner Geschichte.

Guten Abend, gut´ Nacht

Aufgewachsen ist er in der Evangelischen Kirche Thailands. „Die Gottesdienste waren mir immer zu lang und zu streng. Die Predigt dauerte über eine Stunde. Da konnte ich mich nicht konzentrieren. Aber bei den Katholiken ging das schneller. Da konnte ich besser zuhören“.

So entschloss er sich schließlich, zum Katholizismus zu konvertieren und wurde 2015 in die Kathedralgemeinde von Bangkok aufgenommen. Dort sang er aktiv im Chor mit, aber „deine Querflöte brauchen wir hier aber nicht“, war die Antwort auf sein musikalisch-instrumentales Angebot.

Enttäuscht holte er sich Rat bei seinem Lehrer und Mentor, der ihn auf die deutschsprachigen Katholiken und deren Gottesdienst verwies. Und so stand Khun Patrick eines Morgens mit seiner Querflöte in unserer Kapelle. Der Beginn einer sehr musikalischen Zusammenarbeit.

Guten Abend, gut´ Nacht

Nach dem plötzlichen Tod unseres Organisten, Herrn Siegfried Thom, übernahm er die Organisation der Kirchenmusik, zunächst alleine, später mit einem Musikstudenten am Klavier. Khun Morrokot, Sohn einer philippinischen Mutter und eines thailändischen Vaters, katholisch und heute 30 Jahre alt, sollte eigentlich nur kurzfristig aushelfen. Aber die Wertschätzung unserer Gemeinde ließ ihn den Entschluss fassen, wie Khun Patrick regelmäßig die Gottesdienste zu begleiten.

Es ist ein kleiner Zusatzverdienst neben seinem Studium des Klaviers und der Komposition, das er sehr erfolgreich absolviert und bereits mehrere Preise dafür erhielt. „Wir kommen sehr gerne“, unterstreicht Khun Patrick. „Nicht nur, weil wir hier Werke unterschiedlicher Komponisten aufführen dürfen. In den örtlichen Kirchen darf nur sakrale Kirchenmusik gespielt werden. Hier haben wir mehr Möglichkeiten. Was uns sehr freut, ist, dass wir hier auch eine Bezahlung erhalten.“ In anderen thailändischen Kirchengemeinden erhalten die Musiker zwar Gotteslohn, der sich aber offensichtlich nicht angemessen für den täglichen Lebensunterhalt eines Studenten umsetzen lässt.

Auf seine Einladung hin kommen seit zwei Jahren auch zwei seiner Schüler mit dazu. Khun Earth und Wanorn, ebenfalls Musikstudenten mit Hauptfach Querflöte, der eine Buddhist, der andere Moslem.

Guten Abend, gut´ Nacht

So bilden sie unser kirchenmusikalisches interreligiöses Ensemble mit drei Querflöten und einem Piano. Neben der Gemeinde ist die Musik tragender Bestandteil der Liturgie. Nicht nur die Liedbegleitung, auch die Instrumentalstücke heben die Stimmung. Die Gemeindemitglieder schätzen es sehr, dass es in einer ohrenbetäubenden Stadt wie Bangkok mit einer Kakophonie an Lärm wenigstens einmal in der Woche einen Ort der musikalischen Harmonie gibt. Neben dem Spirituellen sicher auch ein wesentlicher Anlass, unsere Gottesdienste zu besuchen.

Der Corona bedingte Lock down – wir haben die Kirche eigenständig und vorauseilend schon Ende Februar geschlossen – hat natürlich Folgen und wir helfen, wo wir können. Unseren Musikern bieten wir eine angemessene Lohnfortzahlung an. Aber viele vermissen die Unmittelbarkeit der Gottesdienste, das Gebet, den Austausch und das wöchentliche Zusammenkommen. Über Online-Angebote und Gottesdienstvorlagen, sowie Live-Streamings gibt es zwar Alternativen, aber sie bleiben alle hinter dem Wesentlichen zurück. Auch die Musik.

Daher entstand aus dem Unterstützungsangebot durch das Auswärtige Amt in Berlin und die Onlineplattform Kulturama des Goethe-Institutes die Idee, unseren Musikern eine virtuelle weltweite Bühne zu bieten, ihre Musik zu uns nach Hause zu bringen.

Unter Rücksicht auf die Hygienemaßnahmen und nachdem es auch wieder möglich war, Filmproduktionen zu machen, stellten unsere Musiker eine kleine Nachtmusik auf die Beine. Auf Initiative der katholischen und der evangelischen Gemeinde und unter Mitwirkung einer örtlichen deutschen Filmproduktionsfirma konnten wir im nächtlichen und illuminierten Pfarrhausgarten die Musik einspielen.

Eine kleine Zusammenstellung mit neun Stücken aus der Top 10 der barocken, klassischen und romantischen Musik deutscher Komponisten – professionell aufgenommen mit drei Kameras, Ton und Beleuchtung, fachkundig zusammengeschnitten mit Eindrücken aus dem nächtlichen Bangkok war das Ergebnis – eben eine kleine Nachtmusik.

Guten Abend, gut´ Nacht

Trotz gezielter Vorbereitung musste alles recht schnell gehen. Das Zeitfenster war begrenzt. Die relativ späte Dämmerung, das nicht zu bremsende Engagement der Grillen in den Bäumen mit ihrem durchdringenden Gesang, die notgedrungene Unterbrechung durch einen lärmenden und lähmend langsamen Müllwagen, sowie die um 22.00 Uhr drohende Ausgangssperre sorgten für ein zügiges Vorgehen. Inklusive der neugierigen, buchstäblichen Zaungäste, die solch eine Musik in der Soi Sai Nam Tip (Weihwasserstraße – wirklich!) noch nie gehört hatten. Aber am Ende war alles im Kasten.

„Ich bin so dankbar, dass ich in der deutschsprachigen Gemeinde meine Musik aufführen darf. Sonst habe ich dazu nicht diese Gelegenheit“, sagt Khun Earth nach den Aufnahmen und strahlt über sein ganzes asiatisches Gesicht, bevor er es wieder hinter seiner Atemschutzmaske versteckt.

Und tatsächlich: Klassische Musik unter dem aufgehenden Vollmond inmitten dieser quirligen Metropole, das „Guten Abend, gut´ Nacht“ von Johannes Brahms, das war schon eine bezaubernde Atmosphäre, die auch im Video eingefangen wurde. Sicher nicht zum letzten Mal.

Guten Abend, gut´ Nacht

„Schön, den Garten zu sehen, wo wir sonst unsere Feste feiern, und unsere Musiker, und die schöne Musik. Das tut so gut, und das fühlt sich fast an wie zu Hause“, drückt sich Klaus, ein saisonales Gemeindemitglied, beim Abschiedsgespräch in Bezug auf das veröffentlichte Video aus, bevor er wieder nach Deutschland reist. Ein halbes Jahr verbringt er in der thailändischen Metropole, die anderen sechs Monate im Schwarzwald. Er freut sich schon auf den kommenden Besuch im Herbst und auf die Kirchenmusik – zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen.

Siehe auch: YouTube unter „Eine kleine Nachtmusik aus Bangkok 2020

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