Mondhase, Buddha und Quetzalcoatl

Mondhase, Buddha und Quetzalcoatl

Hasenbraten

Zugegeben: Ich vermisse etwas in Asien. Nämlich Hasenbraten. Am Vorabend des Festmahles, großzügig mariniert mit Honig und Paprika, am nächsten Tag leicht angebraten und mindestens drei Stunden geschmort in einem Sud aus Rotwein, Kartoffel, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürzen, mit Sellerie auf einem Bett aus Crème Fraîche. Ja das vermisse ich tatsächlich. Leider keine Chance, hier in Bangkok Hasen oder Karnickel zum Kochen zu finden. Woran liegt das wohl, wenn man doch sonst hier alles bekommt, was das Herz begehrt?

Mondhase, Buddha und Quetzalcoatl

Vielleicht deshalb, dass mein Geschmack nicht unbedingt dem der normalerweise der Schärfe ausgesetzten Gaumen der Thais entspricht. Vielleicht hat es aber auch mythologische Gründe, dass die Hasen in Asien dem Kochtopf weniger fürchten müssen als in Europa. Vielleicht gibt aber auch nur der Himmel darauf die Antwort.

Und in den selbigen schauen wir mal, am besten bei Nacht, und bei Vollmond und sehen … in Europa meistens den Mann und in Asien eben den Hasen im Mond.

Mondhase, Buddha und Quetzalcoatl

Durch die entsprechende Neigung der Erdachse auf Äquatorhöhe ergeben die Krater, Schatten und Kontrastunterschiede der Mondoberfläche von Süd-Asien aus gesehen eben die Silhouette eines mit gespitzten Ohren sitzenden Hasen.

Hause auf dem Mond?

In der chinesisch-schamanistischen Gedichtesammlung Chuci aus dem 2. Jahrhundert nach Christus wird von einem Hasen berichtet, der auf dem Mond Kräuter für das Lebenselixier der Mondgöttin Chang’e mörsert. Im chinesischen Volksmund ist der Hoppler bis heute auch als „Jadehase“ lebendig und wird zusammen mit Chang’e während des Mondfestes am 5. Tag des 8. Monats des lunaren chinesischen Kalenders (25.9. in diesem Jahr) gefeiert.

Im Buddhismus gilt der Hase als Symbol der Selbstlosigkeit. Diese Vorstellung geht zurück auf die Erzählung vom Hasen, die bis hinauf nach Japan (dort bekannt als „Tsuki no Usagi„) unterschiedliche Facetten kennt, aber immer wieder auf das Selbe hinaus läuft. In den Jakata genannten Wiedergeburtsgeschichten wird folgendes erzählt: Ein Affe, ein Otter, ein Schakal und ein Hase begegnen einem armen, alten Mann, der die Tiere um Nahrung anfleht. Der Affe bringt Früchte, der Otter fängt Fische, der Schakal stiehlt eine Eidechse und einen Topf mit Quark.

Der Hase aber schämt sich, weil er nur Gras geben kann. So wirft er sich kurzerhand in ein Feuer, um sich selbst als Speise anzubieten. Aber, oh Wunder, der Hase wird nicht zum Braten. Der alte Mann offenbart sich als heiliger Sakka, der in den buddhistischen Sutren als König der Götter und Bewahrer des Buddhismus und seiner Lehren gilt. Bewegt von der Opferbereitschaft des Hasen malt der Sakka das Bildnis des Hasen auf den Mond.

„Der Hase in dieser Geschichte ist der Buddha selbst in einem seiner früheren Leben. Was er als Hase getan hat ist einer der Gründe für seinen Status als Buddha“, erklärt Somparn Promta, Professor für buddhistische Philosophie an der Chulalongkorn Universität in Bangkok.  Dr. Chawarote Valyamedhi,Buddhismusexperte an der Thammasat Universität in Bangkok ergänzt: „Das Konzept der Selbstlosigkeit ist im Theravada-Buddhismus sehr populär“.

Same same but different

Springt man jetzt von Asien um die halbe Erde nach Südamerika, dann finden wir den selbstlosen Hasen auch explizit in den Mythen der Azteken. Dort, im heutigen Mexiko, erzählte man sich die Legende von Gott Quetzalcoatl, der eine Weile als Mensch auf der Erde wandelte, ermüdete und Hunger litt. Auch Quetzalcoatl bot sich ein Hase als Speise an. Wie der Sakka erhob Quetzalcoatl aus lauter Dankbarkeit den Hasen in den Mond als ewiges Symbol der Selbstlosigkeit.

Im Christentum hat der Hase einen ambivalenten Charakter. Dem alten Testament gilt er als unreines Tier. Das Dreihasenfenster im Paderborner Dom hingegen kann als Symbol für die Dreifaltigkeit aufgefasst werden. Aus der Antike kommt die Deutung des Hasen als Sinnbild von Lebenskraft, Wiedergeburt und Auferstehung, was von manchen als Wurzel der österlichen Hasensymbolik verstanden wird. Ob und wie und woher sich das selbstlose Verhalten des legendären Hasen aus den Tiefen Asiens mit der Bereitschaft Jesu zum Selbstopfer in Einklang bringen lässt, das weiß ich nicht. Offensichtlich ist aber die Wertschätzung desjenigen, der zum Wohle anderer sein Leben gering achtet und sich selbst zum Opfer bringt. Es ist der Ausdruck der vollkommenen Liebe. Das wissen Menschen überall auf der Welt. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde“ (Joh 15,13)

Mondhase, Buddha und Quetzalcoatl

Aus dem Buddhismus und der chinesischen Mythologie ist der Hase ist bis heute nicht wegzudenken. „Jadehase“ hieß der Mond-Rover, den die Chinesen im Dezember 2013 mit der Mondsonde Chang’e-3 auf den Mond schossen. Durch so manches Volksmärchen in den buddhistischen südostasiatischen Kulturen hoppelt der Hase als weises und manchmal auch raffiniertes Tier. Die Parallelen zwischen den Hasenmythen unterschiedlicher Kulturen sind offensichtlich. In unseren Märchen spielt er ebenso eine Rolle wie in unserem christlichen Brauchtum. Zum Beispiel als Osterhase, der biologisch völlig unkorrekt Eier legt, sie hingebungsvoll bunt anmalt, nur um sie dann völlig selbstlos zu verschenken. Na denn, zu seiner Ehrenrettung dieses Jahr vielleicht lieber Lamm-  anstelle von Hasenbraten. Frohe Ostern 2018.

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