Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Symbol oder Zeichen?

Die Gebärdensprache Frankreichs und vieler anderer Länder kennt ein sehr einprägsames Symbol, das die Bedeutung „deutsch, Deutscher, aus Deutschland“ hat. Was es damit Interessantes auf sich hat, erfahren Sie noch beim Weiterlesen.

Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Heute werden Sie etwas über Symbole erfahren. Diese haben – und das ist ihr wesentliches Merkmal – mehrfache Bedeutungen. Sie sind vieldeutig, im Unterschied zu Zeichen, die per definitionem eindeutig sein müssen. Man denke beispielsweise an Schriftzeichen. Oder man stelle sich vor, Verkehrszeichen erfordeten jeweils situationsbedingt der Interpretation, wenn gleich sich asiatische Straßenschilder leider nicht immer unmittelbar zweifelsfrei in ihrer Eindeutigkeit offenbaren.

Symbole bedürfen jedoch eines kulturellen, intellektuellen und tiefenpsychologischen Hintergrunds, um als solche erkannt, gedeutet und verstanden zu werden. Beispielsweise findet man in Kirchen oder auf der Ein-Dollar-Note ein Dreieck mit einem Auge darin – hier ein Hinweis auf den allessehenden, dreifaltigen Gott, dort – so die Verschwörungstheoretiker – eine Replik auf die Freimaurergilde oder wahlweise den Orden der Illuminati – ganz wie es beliebt.

Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Aber bleiben wir doch hier bei uns im geliebten Asien. Die reiche kulturelle Welt des Buddhismus verwendet ebenfalls in ihrer darstellenden Ikonographie eine Vielzahl von symbolischen Ausdrucksformen. Wer war nicht schon begeistert von den vergoldeten Tempeln Thailands mit ihren reichen Ausmalungen des Ramayana-Epos, den strahlenden Reihen von vergoldeten Buddha-Statuen oder martialischen Tempelwächtern, flankiert von geflügelten GarudasMakara-Mischwesen und mythologischen Nagas.

Je dicker, um so besser?

Auch die Darstellungen des Buddha sind – je nach konfessioneller, historischer und geographischer Herkunft – unterschiedlich in Habitus, Form und Gestalt, und daher auch in ihrem Ausdruck, bzw. Ihrem Symbolwert.

Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Der hinlänglich bekannte und so bezeichnete „Dicke Buddha“, vornehmlich im chinesischen Kulturkreis verbreitet, verweist auf Prosperität, also auf Erfolg und Wohlstand, der nicht zuletzt auch im alltäglichen Leben der Gläubigen in eben jener Körperfülle seinen Sitz im Leben hat. Nie war eine Putte barocker…

Ganz anders im eher schlanken, asketischen Theravada-Buddhismus Thailands, der den Erleuchteten gerne wohl proportioniert und dem Schlankheitsideal zeitgenössischer Models entsprechend zeigt. Ebenfalls ein sinnfälliger Ausdruck, geschuldet der Zurückhaltung in weltlichen Genüssen und in diesem Fall eher spirituell motiviert.

Auffallend bei den auch als Einzeldarstellung vorhandenen Buddha-Köpfen sind die kurzen gekräuselten Haare, als Zeichen seiner Askese. Doch zugleich entdeckt man den vor allem im indisch geprägten Kulturkreis vorkommenden Dutt, einen sich am oberen Hinterkopf formenden dicken Haarknoten, dem sogenannten Ushnisha. Dieser war ursprünglich Teil des öffentlichen Erscheinungsbildes indisch-hinduistischer Monarchen.

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Aber warum nun doch – bei aller Bescheidenheit – solch ein zierender, offensichtlich geschlechtsunspezifischer Haarschmuck bei dem Erleuchteten, der doch seinem königlichen Elternhaus entsagte und den geschorenen Schädel des Mönchs vorzog?

Vom Dutt zur Krone

Wie gesagt – wir befinden uns nicht bei der historische getreuen Darstellung des Buddha, sondern innerhalb eines  bei ihm in künstlerische Form gebrachten Ideals. Der Haarknoten ist somit eine der körperlichen Ausdrucksformen des Gelehrten und zugleich ein Symbol für dessen Offenheit. Sozusagen ein Weisheitsauswuchs, eine haarige Krone der Erleuchtung.

Kronen sind so alt wie die Menschheit. Federbusch oder Hörner für den Feldherrn, Lorbeerkranz für den Sieger der Olympiade, die Doppelkrone der Herrscher am Nil über Ober- und Unterägypten, die phrygische Mütze als Vorläufer der bischöflichen Mitren, das Myrthenkränzchen für den Primizianten, bis hin zu den Ringen und Reifen aus edelsten Metallen, ausladend verziert mit Preziosen und Juwelen für Königinnen und Könige, mit Zacken und stilisierten Sonnenstrahlen, alles sich um das Haupt des Erwählten windende Kreise der Vollkommenheit und Eleganz, archetypische Symbole von Ewigkeit und Macht – und zwar in allen Kulturen dieser Erde.

Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Selbstverständlich auf dem Kopf getragen verleihen sie dem Träger oder der Trägerin eine alles und jeden hinauswachsende, überhöhende Relevanz. Wer sie aufsetzt, der zeigt der Welt seinen legitimierten, übermenschlichen Kontakt zu einer geistigen Welt und zugleich zur rechtmäßigen, unangefochtenen Herrschaft, die er von dort erhält. Sie ist der symbolische Uplink zu jener Macht, von der der Herrscher seine transzendente Bestätigung erfährt. Nur mal so unter uns: Sogar eine große deutsche Kaffee-Marke krönt sich selbst als herausragend und unübertroffen im Geschmack.

Selbstredend, dass dem Buddha in seiner geistigen Bedeutung als Erhabener genau diese Rolle als Gekrönter zukommt, die eben auch symbolisch ihren Ausdruck gefunden hat in eben jenem Ushnisha, also einer stilisierten Krone.

Spitze der Erleuchtung

Da im (thailändischen) Theravada-Buddhismus bekanntlich alles etwas mehr abgespeckt ist, hat sich der Dutt vom Knoten zu einer Spitze weiter entwickelt. Oftmals unverkennbar als Flamme dargestellt, zeigt sie das Ergebnis der Meditation und Lebensführung des Buddha. Sie, die Flamme, ist ein Symbol der spirituellen Kraft, die in der Erleuchtung (enlightment – „Entzündung“) des Buddha ihren Ursprung hat.

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Das Christentum kennt auch eine Krone, allerdings ist es eher die Persiflage auf den rechtmäßigen Herrscher, wird sie doch zum Hohn Jesus, dem König der Juden, als Dornenkrone aufgesetzt. Spöttisch führt sie paradoxerweise den Anti-König vor, der in seiner freiwilligen Erniedrigung selbst diese Schmähung stoisch erträgt, und der offensichtlich in den Augen seine Peiniger mit seinem göttlichen Anspruch gescheitert ist.

Die Tiara, die Trias Corona oder Triregnum, päpstliche Krone mit der symbolischen Bedeutung der dreifachen Herrschaft des Pontifex im Lehren, Leiten und Heiligen, sagen die Einen. Die Anderen verleihen ihr den Ausdruck päpstlicher Gewalt über den Himmel, die Erde und Rom (oder die Unterwelt). Wie dem auch sei – sie wurde Ende der 60er Jahre zur Bewunderung ins Vatikanische Museum verbannt und genießt weiterhin keine zeremonielle Aufmerksamkeit mehr.

Ist also die Krone nur noch ein Relikt feudaler Zeiten und ganz verschwunden aus unserer Wahrnehmung,  außer vielleicht bei der epischen Inszenierung des Spiels um den Eisernen Thron (GOT)?

 

Mit Feuer getauft

Weit gefehlt! Jedes Jahr feiern wir nämlich – wenn man mir den Vergleich erlaubt – ein Krönungsritual der jungen Kirche, wenn gleich auch unspektakulär und weniger offensichtlich. Wir tun dies an Pfingsten (Pentecostae – 50 Tage nach Ostern), wenn wir aus der Apostelgeschichte erfahren (Apg 2,3), wie die Jünger aus Furcht alle zusammen waren. Maria war auch dabei. Sie hatte ja bereits ihre einschlägigen Erfahrungen mit dem Heiligen Geist gesammelt.

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Die Erscheinung der Feuerzungen über ihren Häuptern ist symbolisch die Krönung. Es ist der Moment der Erleuchtung. Die unmittelbare Verbindung mit Gott und die überwältigende nachträgliche Erkenntnis dessen, was sich an jenen Tagen an Ostern ereignet hat.

Des Freundes Jesus beraubt durch dessen Tod, das posttraumatische Nicht-wahr-haben-wollen des leeren Grabes und das Gefühl der einsamen Verlassenheit am Himmelfahrtstag – all dem steht die plötzliche tiefe Einsicht entgegen, dass alles seinen Sinn hatte. Es brannte ihnen nicht nur das Herz (Lk 24,32), sondern Verstand und Leben neigen zur spontanen Selbstentzündung. Buchstäblich geht ihnen ein Licht auf.

Genau das muss es gewesen sein, von dem Jesus gesprochen hatte, als er noch zu Lebzeiten einen Beistand, den Paracletos, versprach: Die Sendung des Heiligen Geistes – eine Kraft, die tröstet und die sich vor allem nicht mehr zügeln lässt, die Fähigkeiten entfesselt, an die man selbst im Traum nicht gedacht hat. Plötzlich scheint alles möglich.

Begeistert für die Sache Jesu hält es sie daher nicht mehr auf den Stühlen hinter verschlossenen Türen, sondern sie strömen in alle Welt, um die Botschaft vom unbändigen Leben mutig und begeistert zu verkünden. Die Sprengkraft dieser Bewusstwerdung hat die Welt verändert.

Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Das hat man ihnen, den Freunden Jesu nicht unmittelbar zugetraut. Selbst die spontan-linguistische Begabung, sogleich in einem multikulturellen und -religiösen Umfeld Jerusalems für alle die richtigen Worte zu finden, trifft bei vielen auf Unverständnis. Vielleicht waren einige pfingstliche Zaungäste durchaus der Meinung, dass jenen Fischern ein Zacken in der Krone fehlt. Aber letztendlich ließen sie sich nicht aufhalten. Fast hört man sie sagen: „Wir schaffen das!“ (Fußnote: Ein Zitat, das übrigens nicht von einer deutschen Politikerin stammt, sondern eigentlich von Bob dem Baumeister.)

Königliche Kinder Gottes

Nota bene: Wir feiern diese pfingstliche Krönung nicht nur erinnernd als alljährliches Kirchenfest, sondern verleihen ihr auch heute noch sakramentalen Charakter. Bei der Taufe, bei der Weihe und insbesondere bei der Firmung – der Salbung mit königlichem Öl, dem Chrisam, wird nochmals unterstrichen, dass wir als Kinder Gottes, als Töchter und Söhne Jesu seinen Heiligen Geist empfangen – genau wie die Jünger Jesu – und zugleich auch Anteil haben an seinem Königtum.

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So betet der Bischof beispielsweise innerhalb der Ölweih-Messe über dem Chrisam: „Für alle, die wiedergeboren werden im Wasser der Taufe, mache diesen Chrisam zu einem Zeichen vollendeten Heiles und Lebens. … Erhebe sie zur Ehre von Königen, Priestern und Propheten und bekleide sie mit dem Gewand ihrer unvergänglichen Berufung.“ Damit gehören wir alle unmissverständlich dazu. Wir sind Gesalbte – das bedeutet übrigens das Wort Christen.

Zugegeben, unsere Feuerzungenkrone ist unsichtbar, hat aber nichts desto weniger geistliche Wirklichkeit. Sie zeichnet uns aus als real existierende royale Mitglieder einer königlichen Familie. Allerdings in einem Königtum, das zugleich in, aber nicht von dieser Welt ist (Joh 17, 17.24). Ein anderes Wort dafür ist Kirche. By the way: Dieser Familienstatus ist unser Re-Entry-Visum für das Paradies.

Finger hoch!

Ushnisha, Feuerzungen und Pickelhaube

Wie versprochen – noch etwas zur Gebärdensprache. Dazu schauen wir noch in die deutsche Geschichte: Man könnte durchaus in die Versuchung geraten, die Spitze der Preußischen Pickelhaube als stilisierte Flammenzunge zu verstehen. Allerdings haben diese den profanen Hintergrund, dass sie aus der mittelalterlichen Beckenhaube und über diverse Lautverschiebungen von der Bieckelhaube zu eben jener Pickelhaube weiterentwickelt worden sind. Das eng zulaufende Ende des Helms wurde im Laufe der Zeit schmiedetechnich mehr und mehr spitz ausgetrieben, um vertikalen Schlägen auszuweichen, was 1870/71 und im Ersten Weltkrieg beim Nahkampf noch sinnvoll war.

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Zwar verschwand diese militärische Ausrüstung nach besagtem Ersten Weltkrieg. Und doch entwickelte sich nicht nur beim ehemaligen Erbfeid Frankreich dieser Kopfschutz geradewegs zur Manifestation eines international verstandenen Symbols preußischen Deutschtums.

And here we are: Den ausgestreckten Finger über den Kopf an die Stirn gelegt – das begreifen Gehörlose heute fast weltweit als gebärdesprachlichen Ausdruck für Deutschland.

Wie ein manuelles Denk-mal ist unser gebärdenhafter Gestus des Kreuzzeichens. Wir greifen uns dabei unbewusst an den Kopf, natürlich nicht als Reminiszenz an unser preußisches Erbe oder als Zeichen einer Staatszugehörigkeit. Wenn wir uns – zurecht beginnend mit der Stirn – bekreuzigen, dann kann es uns in diesem Falle unmissverständlich deutlich machen, dass wir als Christen mit der Flamme des Heiligen Geistes gekrönt sind.

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Das heißt: Mit Vernunft und Verstand Gottes Wort verstehen und bedenken, versuchen zu begreifen und uns begeistern lassen von dem, was dieser Glaube für uns bedeutet, und wie wir Worte und Taten finden können, die das fortsetzen, was wir von Jesu Botschaft verinnerlicht haben. Haben wir das verstanden, dann sind wir wirklich nicht nur gekrönt und gesalbt, sondern auch erleuchtet. Und natürlich sind mir hierbei die wohltemperierten Feuerzungen weit aus lieber als historische Pickelhauben.

Frohe Pfingsten 2018
Jörg Dunsbach, Pfr.

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